Eine Liebeserklärung

Die folgende Reiseetappe führt uns fünf Tage durch Albanien an die mazedonische Grenze. Wir nächtigen bei Landwirten, konsumieren Espresso mit Spanferkel zum Frühstück, entdecken Gulag-Systeme sowie innovative Hotelkonzepte. Und obwohl wir am Schluß fast an Hallozinationen leiden, ist diese Reisetappe nichts anderes als eine Liebeserklärung an das wilde, bizarre und rätselhafte Albanien.

 

1. März: in Shköder

Die Idee, die alte Festung oder den See von Shköder mit uralten Fahrräder zu erkunden, verwerfen wir sofort nachdem wir die ersten Exemplare bestiegen haben. Die meisten Modelle erweisen sich als zu  klapperig, zudem fehlen Fahrradschlösser. Shköder bietet aber auch für Fußgänger genügend Action.

Wie bereits im letzten Beitrag angedeutet, nimmt diese Stadt aufgrund ihrer venezianischen Stadtarchitektur eine albanische Sonderrolle ein.

Außerhalb des historischen Zentrums registrieren wir an den Ausfallstraßen eine fiebrige Bautätigkeit, Wohnblöcke und Bürogebäude mit Spiegelglasfassaden sind Zeuge des neuen Aufschwungs. In die Seitenstraßen hat sich dieser noch nicht verirrt. Wir stehen etwas konsterniert vor Müllhalden und abbruchreifen Plattenbauten mit wegstürzenden Mauern. In den Erdgeschossen sind Friseure, Supermärkte und Geschäfte jeglicher Art eingezogen, abends leuchtet hier Neonlicht. Im fast jeden Laden ist ein Fernseher untergebracht, auf dem Fußball läuft. Die Albaner sind ein fußballverrücktes Volk, stehen aber mittlerweile mehr auf Champions League als Partisan Tirana. In genau so eine Fußballkneipe lädt uns ein Einheimischer ein. Er spricht nicht unsere Sprache, sodass wir uns mit Google Übersetzer behelfen müssen. Zum Abschied tippt er „It was a pleasure to meet you. You can go now. Good night” in seinen Rechner.

Auf dem Weg zum Hotel drückt mir noch ein junger Albaner einen Flyer in die Hand, der zu einem kostenlosen Englischkurs am nächsten Wochenende einlädt. Ein Gemüse- und Obsthändler lässt es sich nicht nehmen, drei Minuten zu verschwinden, um mir umgerechnet 10 Cent Wechselgeld herauszugeben. Das sind die Eindrücke von unserem zweiten Tag in Albanien.

Schon gewußt? Mutter Teresa ist albanischer Abstammung (o.l.); hübsch gestaltete Fußgängerzone mit venzianischer Architektur im Zentrum Shkoders (o.m.) mit espressotrinkenden Rentnern (o.r.); viele Neubauprojekte im Zentrum (m.l.); in den Nebenstraßen sieht es anders aus (m.r.)

 

2.März: Shköder - Lezhe

Strecke: 48km

Min. Höhe: 6 m, Max. Höhe: 27 m

Höhenmeter: 52 m

Der Tag beginnt unspektakulär mit Brot, Marmelade und Käse, bis urplötzlich ein halbes Spanferkel auf unserem Tisch landet. Der Bürgermeister von Shköder war gestern Abend im Restaurant zu Besuch, lässt man uns wissen. Leider ließ sein Hunger jedoch zu wünschen übrig, daher würde man gerne das halbe Schwein an uns abtreten. Spanferkel zum Frühstück – okay, warum eigentlich nicht, denken wir uns und greifen zu.

In allen Ländern, die wir bisher bereits haben, war ein Fahrrad lediglich ein Freizeitgerät, ein Spielzeug zum Zeitvertreib. Albanien hingegen ist das erste Land, wo es für die ärmeren, meist älteren Bevölkerungsschichten noch immer ein wichtiges Fortbewegungsmittel darstellt, was sich auch in einem umfassenden und jederzeit verfügbaren Netz von Fahrradwerkstätten niederschlägt. Während wir nach dem „Frühstück“ an unseren Bikes ein paar Routinechecks durchführen, bietet der Hotelier uns an, Minxins Außenspielgel austauschen zu lassen. Dieser war bereits im Allgäu zu Bruch gegangen, als Minxin auf dem schneeglatten Fahrradweg ausgerutscht war. Wir willigen ein und bereits nach 5 Minuten ist der Spiegel für 1,50 Euro (wir geben noch ein sattes Trinkgeld dazu) wieder ausgetauscht. Klasse.

Es geht nach Süden auf der Überlandstraße in Richtung der Hauptstadt Tirana. Nach langem Überlegen haben wir uns gegen die lange Albanien-Variante entschieden, und werden die Hauptstadt nun auslassen, stattdessen bereits 30km südlich von Shköder nach Osten in die Berge abbiegen.

Die Gegend entlang der Straße macht einen wohlhabenderen Eindruck als unser Einfalltor nach Albanien vor zwei Tagen. Tankstellen, Möbelmärkte und Speditionen wechseln sich munter ab und auch auf den Nebenstraßen werden wir zahlreiche Neubauten und gutsortierte Supermärkte mit vielen albanischen Produkten entdecken. Wir entschieden uns gegen die Hauptverkehrsachse und radeln auf ausgezeichneten Asphalt durch kleine Dörfer mit strahlenden Menschen.

In einem dieser Dörfer verschwindet Minxin in einem Supermarkt, um Nachschub für den restlichen Reisetag zu besorgen. Zeit, mit der angegrauten männlichen Dorfbevölkerung die weltpolitische Lage zu klären. „Albania – politics no good. Germany – politics good!“, legt ein Rentner die Agenda für die folgende Diskussion fest. „Angela Merkel?“, taste ich mich vorsichtig voran. „No. Hitler good.“ Ich würde gerne erklären warum Hitler vielleicht nicht soo gut für die Weltgeschichte war, meine Argumente scheitern aber an einer turmhohen Sprachbarriere. Im Zweiten Weltkrieg hatte Albanien das „Glück“, vom ebenfalls faschistischen Italien besetzt zu sein, das die einheimische Bevölkerung inklusive der jüdischen Minderheit weitgehend in Ruhe ließ.  Der Mann lässt sich nicht beeindrucken. „Enver Hoxha good“, lautet das nächste Polit Statement. Ja, er hat euch eingesperrt und das Land mit Konzentrationslagern und Bunkern überzogen, denke ich mir im Stillen. Ich habe es aufgegeben, der Weltbevölkerung zu erklären, wie sie zu ihrem eigenen Land und ihren politischen Politkern zu stehen hat. Bevor das Politbarometer mit Stalin und Wolfgang Wowereit fortgesetzt wird, taucht Minxin mit Obst und zwei Litern Wasser auf. Es kann weitergehen.

Nach 5km verschlechtert sich der Straßenbelag rapide. Vorbei an verfallenen Industrieruinen und kläffenden Hunden holpern wir Richtung Lezhe, unserem heutigen Ziel. Wir entdecken in den Berg gegrabene Tunnelsysteme. Diese sind, wie man uns erklärt (Achtung Überraschung!) unter der stalinistischen Führung von Enver Hoxha entstanden und repräsentieren quasi die Luxus-Bunkervariante für die ganze Familie. Heute werden sie als Geräteschuppen zweckentfremdet.

Je weiter wir vorankommen, desto eigenartiger die Gegend. Eine verlassene Anlage, die an ein ehemaliges Gefängnis für politische Gefangene erinnert. Eine riesige, natürlich ebenfalls aufgegebene Kolchose. Ein stillgelegtes Bergwerk. Bauernhöfe passieren wir dagegen nur noch zwei und die Reaktion der Bauern wandelt sich von einem fröhlichen Winken zu merkwürdigen Handbewegungen. Gruseliges Albanien. Wenige Minuten später wissen wir was das alles zu bedeuten hat: ein hoher Zaun versperrt den Weg und das bedeutet, dass wir eine halbe Stunde in eine Sackgasse geradelt sind. Wieder einmal. Nur einen halben Kilometern von uns entfernt fahren Autos vorbei – die Asphaltstraße! Dazwischen versperrt ein Fluss den Weg. Wir radeln eine halbe Stunde zum Ausgangspunkt zurück, vorbei an Tunnelsystemen, Kolchosen und Bergwerken, bis uns wieder die makellose Asphaltdecke vereinnahmt. Die Abzweigung zur Hauptverkehrsstraße aber ist bestenfalls ein Feldweg ohne Beschilderung. .

Mittlerweile hat Regen und Gegenwind eingesetzt, und die blasse Sonne ist längst hinter den Bergen verschwunden. Würde mir eine Fee drei Wünsche zur Steigerung meines Lebensglücks anbieten, fiele mir die Wahl nicht leicht. Das Beradeln einer dichtbefahrenen albanischen Hauptverkehrsstraße bei Dunkelheit, Gegenwind und Regen käme jedoch wohl nicht in die engere Auswahl. Entsprechend erleichtert erreichen wir nach einer halben Stunde die leidlich moderne Stadt Lezhe, die ähnlich wie Bar in Montenegro nach einem Erdbeben in den 70er Jahren an Ort und Stelle wieder neu aufgebaut worden ist.

Wir nächtigen heute in einem jüngst eröffneten Design – Hotel für 20 Euro. Die Wände sind in peppigen Violett oder orange gestrichen, während abstrakte Gemälde die Wände zieren, die der Inhaber aus Kostengründen gleich selber gezeichnet hat. Johan, der Hotelbesitzer, hat in Tirana Kunstdesign studiert, doch bereits während des Studiums wurde ihm bewusst, dass man mit so etwas in Albanien schwer Geld verdienen kann. Sein Hotel ist eigentlich noch nicht fertig, beispielsweise ist der Aufzug außer Betrieb, andererseits hat er erst gestern eigenhändig die Klimaanlagen in den Zimmern installiert. Und dann die Betten. „Taschenfederkern“ bemerkt er stolz und klopft auf die Kopfkissen. „500 Euro pro Bett. Mit der Fähre aus Italien hierhergebracht. Und mit einer Extraschicht Komfortmaterial.“

alle denkbaren Transportmittel auf einen Blick (o.r.); überall wird gebaut (m.l.); mit Volldampf in die Sackgasse (m.m.); Bunker aus der Hoxha-Ära (m.r.); Budget-Design Hotel in Lezhe (u.r.)

 

3.März Lezhe - Burell

Strecke: 53 km

Min. Höhe: 4 m, Max. Höhe: 322 m

Höhenmeter: 667 m

Da konnten selbst Taschenfederkern und Komfortmaterial nichts ausrichten. Ich habe schlecht geschlafen und trotte zur Hotelbar, um ein Kaffee zu bestellen. Ich müsse mich etwas gedulden, sagt man mir, es gebe gerade keinen Strom. Stromausfall - sofort wird mir schlagartig klar, was in unserem bisherigen Albanien – Aufenthalt bislang gefehlt hat: ein Stromausfall ist absolutes Pflichtprogramm für jeden, der sich länger als drei Tage in diesem Land aufhält. Noch basteln schwedische und österreichische Ingenieure zusammen mit dem Albanern an einem gigantischen Wasserkraftwerk, das bald die Stromengpässe beheben soll.

Während ich auf den Stromanfall warte, schweift mein Blick durch die von Männern gefüllte Kneipe. Es ist Montag morgens, die Männer sind mit Schach, Domino, Karten spielen beschäftigt und rauchen dabei Kette. Keine Arbeit? Wo sind die Frauen? Bei der Hausarbeit, im Büro?

Wir verlassen Lezhe und biegen Richtung Osten ab. Immer wieder begegnen uns freundliche Menschen, die uns ihre Hilfe anbieten und nach dem Woher und Wohin fragen. Abends quillt unser Facebook Account vor Freundschaftsanfragen fast über. Kinder rennen kilometerlang „Hallo“ schreiend hinter uns her. Trotz dieser Hallozinationen ist selbst der schnöde Erwerb von Briefmarken noch ein Erlebnis. Im Nu ist die winzige Postfiliale voll mit Menschen, die darüber debattieren, was ich denn gerne möchte. Dann schnappt sich eine ältere Dame ein Handy und wenig später erscheint ein Student aus Tirana mit perfekten Deutschkenntnissen und klärt die Lage.

Am frühen Nachmittag geht es schließlich in die Berge, ins wilde und wahre Albanien. Die enge Asphaltstraße windet sich durch die wunderschöne Schlucht des Mat-Flusses, am Ende des Tals leuchten schneebedeckte Berge, die winzigen Dörfer und terassierten Felder erinnern ein wenig an Sichuan in China. Dieser Streckenabschnitt durch Ostalbanien erwächst schnell zur ernsthaften Konkurrenz zum bisherigen landschaftlichen Highlight unsere Trips, der Bucht von Kotor. Schon längst ist uns das Märchenland Albanien ans Herz gewachsen.

Nach drei Stunden Radeln durch fruchtbare Ebenen, duftende Kieferwäldern und dramatische Canyons lädt uns ein Landwirt, der gerade seine Schafe nach Hause treibt, für die Nacht zu sich nach Hause ein. Da wir nur 5km von unserem heutigen Tagesziel, der Bergbaustadt Burell entfernt sind, sagen wir spontan zu. Zur Begrüßung gibt es den obligatorischen Schluck Raki, der mich nach einer durchwachsenen Nacht und einer anstrengenden Tagesetappe ohne Mittagspause etwas aus der Bahn wirft.

Alfred wohnt mit seiner Frau Bukulie und seinen drei Kindern Matteo, Anissa und Ambra in einem weißgetünchten Haus unweit der Durchgangsstraße. Wie 55% seiner Landsleute lebt auch seine Familie von der Landwirtschaft. Obwohl Bukulie und Alfred Vieh halten, essen sie selber kein Fleisch, sondern verkaufen dieses an Supermärkte. Von Adolf Hitler und Enver Hodscha (siehe oben) halten sie auch nicht viel – „Diktator“ benennen sie diese beiden Personen der Weltgeschichte. Als der Name Enver Hodscha fällt, nimmt Alfred eine offene Flasche Bier und verschließt sie wieder – Albaniens selbstgewählter Weg in die Isolation. Wieder fehlt eine sprachliche Schnittmenge, keiner aus der Familie spricht Deutsch, Englisch oder Französisch, lediglich Alfred hat etwas Griechisch anzubieten, wo wir wiederum passen müssen. Dennoch verstehen Alfred und Bukulie es, mit global bekannten Fremdwörtern, eine Verständigung zu ermöglichen. Diktator ist nach der kurzen Politikdiskussion ein Synonym für schlechte oder unsympathische Menschen, Hero bedeutet in etwa das Gegenteil, Accident Unglück oder Katastrophe. Darüber hinaus erweitern wir an diesem Abend unseren albanischen Wortschatz: „Matze“ heißt auf Deutsch übersetzt Katze und „Ente“, nein nicht etwa Rente, sondern Donnerstag. Ansonsten bleibt die Sprache trotz vielen bekannten Wörtern wie "Televisor" oder "Policja" für uns beide fremd. Selbst das albanische Dankeschön ("Faleminderi" oder so ähnlich) beherrschen wir nach vier Tagen noch nicht richtig.

Bevor wir es uns auf der Ausklappcoach bequem machen, kreist nochmal der Whisky durch die Runde. Auch Bukulie greift zu und zündet sich eine Zigarette an. Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Albanien ist eine weitere Errungenschaft des Kommunismus. Mit anderen Worten: Frauen dürfen nicht nur Traktoren bedienen und sich die Finger mit Maschinenöl dreckig machen. Sondern auch rauchen und Whisky trinken, genau wie die Männer.

Warten im Cafe auf den Stromanfall; im Postamt, der nette deutschsprechende Übersetzer; in Albanien, gibt es kein Abrißmanagement, was nicht mehr gebraucht wird, bleibt stehen; die wunderschöne Mat Schlucht; die erste Einladung bei Bukulie und Alfred, zur Begrüßung ein Schluck Raki (von links oben nach rechts unten)

4.März: Burell - Maqellara

Strecke: 74 km (davon 63 km mit Rad)

Min. Höhe: 154 m, Max. Höhe: 841 m

Höhenmeter: 945 m (nur Fahrrad)

Es ist sieben Uhr morgens, als die Sonne ins Fenster lacht und Anisa und Matteo sich auf dem Weg in die Schule machen. Nach einer kleinen Führung über den Bauernhof rasten wir für einen Espresso in Burell. Guter Espresso und Cafe Macchiato ist in Albanien ungefähr so selbstverständlich wie in Bologna oder Neapel. Selbst hier in einer abgelegenen kleinen Bergarbeiterstadt, die nach Schließung ihrer Mine ums Überleben kämpft.

Unsere erste Tagesetappe führt uns durch ein weites liebliches Tal, an Bauernhöfen, Schafherden und Getreidespeichern vorbei in Richtung eines 850 Meter hohen Passes. Immer wieder trägt der Wind Kindergelächter und Hahnenkrähen zu uns hinüber. Nach einer kurzen Mittagspause rücken die Berge zusammen, und es geht hoch in die bizarre Bergwelt Ostalbaniens. Etwas früher als geplant erreichen wir die windumtoste Höhe. Hinter unter uns liegt ein tiefes Tal mit längst aufgegebenen Dörfern, vor uns Bulqize, eine weitere graue Bergarbeiterstadt. Vor Bulqize, haben uns sogar die Einheimischen gewarnt. „Bulqize – no good for tourists“, und das entscheidende Argument gleich mitgeliefert: „Mafia“. Fahrt lieber nach Shupinse, da gibt es ein gutes Hotel, hat Alfred uns empfohlen. Da es erst 15:30 Uhr ist, beschließen wir weiterzufahren.

Die Passhöhe wirkt wie eine Wetterscheide, das Wetter auf der Ostseite ist empfindlich kühl, die Schneegrenze reicht fast bis ins Tal. Denkt man sich die pinkfarbenen Villen und verfallenen Bauernhäuser weg, glaubt man fast durch das österreichische Inntal zu reisen, das wir bereits vor 5 Wochen durchquert haben.

In Shupinse passiert schließlich genau das, was wir um jeden Preis vermeiden wollten: das versprochene Hotel gibt es zwar tatsächlich und ist sogar gerade frisch in lila-türkiser Farbe gestrichen worden. Aber es macht jetzt erstmal Pause bis zum Sommer.

Sofort sind Einheimische zur Stelle und erklären uns, dass wir nochmal 20km in die Pedale treten müssten, denn erst dort befände sich ein Hotel nahe der mazedonischen Grenze. Da in 10 Minuten die Sonne untergeht, ist diese Distanz für uns heute nicht mehr zu bewältigen. Zwar reduzieren die Albaner unseren Schlussspurt nochmal auf 13km, doch mittlerweile reicht es mir mit der Fahrerei auf überfüllten Landstraßen in der Dunkelheit. Wir stellen uns an die Straße und ehe ich mich versehe, haben drei Albaner unsere Fahrräder in ihren Ford Transit geladen. Zu fünft in einer für drei Leute ausgelegten Fahrerkabine legen wir die letzten 13km unserer heutigen Etappe zurück, bis wir vor einem etwas bizarren Gebäude stehen, das ein ganz neues innovatives Geschäftsmodell zu verfolgen scheint: ein Hotel mit integrierter Tankstelle. Da wo sich bei Fünfsternehotels pompöse Auffahrten befinden, stehen hier Zapfsäulen. Der Hotelpage übernimmt somit gleichzeitig auch den Job des Tankwarts. Wir können leider nicht herausfinden, was zuerst da war oder ob man beides gleichzeitig gebaut hat.

der 900 Meter Pass ist eine Wetterscheide, kühl ists auf der anderen Seite; Bulqize, die Stadt, vor der Albaner warnen; kostenloses 13km Taxi nach Maqellare

5. März Maqellara - Ohrid (Mazedonien)

Strecke: 81 km

Min. Höhe: 572 m, Max. Höhe: 733 m

Höhenmeter: 777 m

Ein Tag, der schnell erzählt ist. Nicht dass er uninteressant oder sogar ärgerlich verlaufen wäre, doch auf unseren 60km durch den verregneten mazedonischen Outback begegnen wir nur wenigen Menschen. Die Grenze ist bereits nach 5km erreicht. Wir wissen wenig über Mazedonien und müssen erstmal per Smartphone klären in welcher Währung man hier überhaupt bezahlt. Die mazedonische Flagge ruft bei Minxin unangenehme Assoziationen hervor, da sie optisch stark an den Banner der japanischen Invasoren während der chinesischen Besatzungszeit erinnert. Wenn ich an Mazedonien denke, fällt mir zunächst das engagiert-erfolglose Aufreten des kleinen Landes beim Grand Prix Eurovision de la Chanson ein. Nicht mal 2 Millionen Menschen leben in dem kleinen, gebirgigen Binnenstaat. Die südlichste Teilrepublik gehörte zu den rückständigsten Gebieten des jugoslawischen Staatenbundes. Nach der Unabhängigkeitserklärung gingen die meisten Betriebe Pleite, sodass sich Mazedonien bis heute mit einer extrem hohen Arbeitslosenquote (30%) herumschlagen muss.

Wir radeln zunächst an einem Stausee entlang, der an einer engen Schlucht endet. Bestimmt ist das eine sehr schöne Strecke, die man aufgrund des Dauerregens allerdings nur erahnen kann.

Das Abendessen verbringen wir in einem riesigen Hotel, in dem gleich drei voluminöse Hochzeitssäle untergebracht sind. Der Wirt spricht gut Deutsch und empfängt uns mit den Worten „Habt ihr ein Glück, wir haben heute noch einen einzigen Tisch frei“. Tatsächlich sind wir die einzigen Gäste in seinem Restaurant. Aufgrund des schlechten Handyempfangs bittet er uns vor die Tür, dort sei das Signal besser (dort tobt gerade ein regelrechter Blizzard). Nach den überaus freundlichen, aber etwas melancholisch wirkenden Albanern ist eine Portion Humor heute Abend eine willkommene Abwechslung.

Kinder kurz vor der Grenze; Willkommen in Europa! Die erste Stadt wirkt im Vergleich zu Albanien sehr vertraut; von der schönen Landschaft bekommen wir nix zu sehen

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Kommentare: 2
  • #1

    Tobi (Mittwoch, 11 März 2015 15:31)

    Wetterscheide am Pass kann ich mich noch gut dran erinnern: Ruaf geradelt sind wir bei strahlendem Sonnenschein ohne Jacken, auf der Abfahrt sind wir dann fast erfroren und ab Bulqize waren die Straßen dann so vereist, dass man nicht mehr wirklich Fahrrad fahren konnte. Haben dann auch einen Taxi-Bus bis zur Grenze genommen ;)
    Ach ja, der Link zu diesem Artikel ist wohl irgendwie mit dem letzten Artikel verknüpft, habe nur nach etwas Suchen den Artikel hier gefunden...
    Viele Grüße
    Tobi

    P.S. Und am Wochenende gab es dann endlich mal wieder drei Punkte für St. Pauli!

  • #2

    zhangxiaoling (Sonntag, 22 März 2015 09:42)

    席地而食的风格我最喜欢了