Zum Ende dorthin zurück wo alles begann

Drei Wochen in drei großen Städten - so lässt sich unser nun wirklich letzter Reiseabschnitt am besten beschreiben. Ausgerechnet in der Millionenstadt Chengdu sehen wir Pandabären zum ersten Mal in 3D und zum letzten Mal bekannte Gesichter aus dem Pamir. In Nanjing sehen wir endlich Minxins Eltern wieder und werden auf unserer letzten Fahrradexkursion nochmal auf vielfältige Weise gefordert. Nachdem anfangs gar nichts passiert, ist am Ende die gesamte Nanjinger Polizei hinter mir her. Erst Minxins beherzts Eingreifen verhindert einen Hungerstreik. Auf unserer letzten Station Shanghai treffen wir alte Bekannte in Form von mobilen Fahrradreparaturwerkstätten wieder, speisen in Papas Bierstube und nehmen endgültigen Abschied - von China, unseren Fahrrädern, unserer Reise sowie Hamburger Graphikdesignern und ganz am Ende, im Kokosnussparadies, von der Illusion, dass Fahrradfahren Spaß macht.

Chengdu - Nanjing - Shanghai

Mit dem Fahrrad durch die Purpurnen Berge bei Nanjing - und danach fast ins Gefängnis

Bereits seit Stunden leuchtet die Anzeige „Fasten Seatbelts“, ebenso lange hat sich die Bordcrew nicht mehr blicken lassen. 10km unter uns breiten sich die bereits Ende Oktober zu Eis erstarrten Ebenen Sibiriens aus, auf dem Bildschirm vor mir kämpft sich ein actionverzerrtes Gesicht durch die Unterwelt Chicagos. An Schlaf ist nicht zu denken. Immer wieder immer wieder rütteln Luftwirbel unbarmherzig an unserem Jumbojet und lassen meine Gedanken quer durch die Stratosphäre 3000km südwestwärts kreisen. Bald werden wir in Deutschland landen, was wird von unserer Reise bleiben, außer einer schönen Erinnerung?

Vor zwei Wochen haben wir mit den Fahrrädern Chengdu in Zentralchina erreicht, um dort unsere dreckige Outdoorkluft gegen leidlich gepflegte Freizeitkleidung einzutauschen. Am nächsten Tag begaben wir uns noch einmal in die Sättel und radelten vom Stadtrand in die Innenstadt Chengdus. Eine Stadt von gigantomanischen Ausmaßen, gehüllt in goldenen Nebel, weil nach langem Regen die Sonne wiedergekehrt war. Wir erreichten nach den Bahnhof, bogen in eine schmuddelige, belebte Seitenstraße, erfüllt von dem Gelächter der Straßenhändler und übergaben unsere heißgelebten Fahrräder der Chinesischen Staatsbahn. Die letzten 1500km bis an die Ostküste müssen wir aus Zeitgründen mit dem Zug zurücklegen. Die letzten 300km, eine Odyssee durch versmogte Großstädte, ausgedehnte Industrieparks, vorbei an Möbelcentern, Atomkraftwerken und einigen übriggebliebenen Reisefeldern und Bauerndörfern, sind es sowieso nicht mehr wert.

Chengdu - eine eigentlich ganz entspannte Stadt, zumindest an chinesischen Maßstäben gemessen

Wir sind alleine. Ohne unsere Fahrräder, die uns in 10 Monaten fast 10.000 km durch 20 Länder begleitet haben und uns nun voraus fahren. Dafür bleiben uns drei Tage für Sightseeing in Chengdu und Umgebung. Drei Tage Zeit, das Stadtzentrum mit seinen Wolkenkratzern zu erkunden oder Zuflucht in den neugestalteten Parkanlagen zu suchen. Diese Gärten findet man mittlerweile in den meisten chinesischen Millionenstädten. Mit Goldfischteichen, alten Pagodentempeln, Souvenirläden und Starbucks-Filialen bilden sie ein Refugium für gestresste Großstädter. Wie bereits in Jiuzhaigou muten auch hier die Horden regelrecht diszipliniert an, so dass wir beginnen, unser bisheriges Chinabild zu überdenken. Hat womöglich ausgerechnet ein Pandabär die Bändigung der chinesischen Volksmassen zu verantworten? Seit etwa einem Jahr sendet das chinesische Staatsfernsehen Spots, in denen als Pandabären verkleidete Chinesen Müll auf den Straßen Sidneys verteilen und sich rülpsend, furzend und spuckend durch den australischen Outback lavieren. „Sei ein guter Tourist – sei ein guter Panda“, so das Motto dieser Kampagne, um die Landsleute zu gemäßigteren höflicheren Verhaltensformen, gerade im Ausland, anzumahnen. Nicht überall treffen solche Maßnahmen auf uneingeschränkte Zustimmung, wird doch hier ein nationales Symbol, der Pandabär, in den Schmutz gezogen.

der zentrale Tianfu Platz in Chengdu; Mao Statuen (o.r.), allerlei Kurven (o.l., u.m.) und Rubiks Zauberwürfel für Ungeduldige (u.r.)

Uns selbst reicht es langsam mit diesen fiktiven Pandabären, sei es in Fernsehspots oder auf Plakaten und Verkehrsschildern. 50km nördlich von Chengdu wollen wir die schwarz-weiß Pelztiere mal aus einer ganz anderen, weil viel realistischeren Perspektive, erleben. Dort befindet sich seit 1986 eine Aufzuchtstation mit zahlreichen Gehegen. Kaum angekommen, stellen wir konsterniert fest, dass die Pandas haben nicht wirklich auf uns gewartet haben. Viele von ihnen haben sich in die Innenräume ihres Etablissements zurückgezogen, andere liegen dösend im Schatten und drehen uns gelangweilt den Rücken zu. Doch sie existieren wirklich. Hier in der Aufzuchtstation wie auch in den Bergen Sichuans, wo geschätzt noch 1.800 Exemplare dieser Gattung durch die dichten Bambuswälder streifen. Es ist nicht zuletzt dem WWF und der chinesischen Regierung zu verdanken, dass sich der Bestand dieser Kraftmeier – eine Pandabär bringt gut und gerne 150 kg auf die Waage - in den letzten Jahrzehnten erholt hat.

Wesentlich weniger präsent in der Weltöffentlichkeit sind die Ausgrabungen von Sanxingdui 40km nordöstlich Chengdus. In einem weitläufigen Besucherzentrum sind die Artefakte verschiedenster Epochen ausgestellt, beginnend vom Neolithikum bis zur Shu Kultur der Bronzezeit. Die Masken, Vogelköpfe und Fruchtbarkeitsbäume aus Bronze sind durchaus beeindruckend und widerlegen die These, dass sich die chinesischen Hochkulturen ausschließlich am Gelben Fluß entwickelt haben.

Sanxingdui - in der Bronzezeit nahm die 5000jährige chinesische Geschichte ihren Anfang

Zurück in der Stadt steht ein weiterer endgültiger Abschied an. Wir haben uns mit Nico und Gökben in einem Café in der Innenstadt verabredet. Es ist unser letzter Abend in Chengdu. Nico und Gökben hatten uns bereits in der turkmenischen Wüste gesichtet, wir waren allerdings unbemerkt an ihrem Zeltplatz in den Dünen vorbeigeradelt. Das erste wissentliche Aufeinandertreffen fand erst in Samarkand statt. Später fuhren wir gemeinsam durch den Pamir. Heute Abend schließt sich der Kreis. Noch ein letztes Mal in den Erinnerungen kramen, und gemeinsame Fernradleranekdoten austauschen. Und wie geht es nun weiter?

Abschied: von unseren Fahrrädern (m.) und von Nico und Gökben (r.)

Chengdu liegt an der östlichen Peripherie der transkontinentalen Fernradlerroute, morgen werden wir gen Nanjing aufbrechen und nur noch hektische E-Scooter Piloten auf dem Weg zur täglichen Arbeit sichten. Nico und Gökben werden nach all den Wüsten und Hochebenen erstmal eine Auszeit einlegen und als Englischlehrer in Chengdu arbeiten. Eine Unterkunft wird kostenlos gestellt, das Gehalt ist absolut ausreichend und selbst Staatsbürger mit einer anderen Muttersprache finden problemlos eine Anstellung.

das Global Center ist das Gebäude mit der weltweit größten Grundfläche (500.000qm) und beherbergt Schlittschuhbahnen, Erlebnisbäder, Feinschmeckerrestaurants; gegessen wird aber "daheim": Pilzsuppe, Fisch in Chilisauce, dazu diverse Gemüse (u.m.); danke an Guo Yus Eltern für die Einladung (u.r.)

Nach einer ereignislosen Zugfahrt erreichen wir einen Tag später Minxins Heimatstadt Nanjing. Minxin hat ihre Heimat seit drei Jahren und ihre Eltern seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, entsprechend emotional verläuft auch das Wiedersehen. Wir verlassen die riesige Bahnhofshalle, nehmen den Stadtbus zur Wohnung ihrer Eltern, laufen sieben Stockwerke nach oben, bis wir in die strahlenden Gesichter von Mama L. S.* und Q. Y.* blicken. Es duftet nach Beijing Kaoya, eine leicht abgewandelte Form der weltberühmten Peking Ente. Der erste Abend in der Wohnung von Minxins Eltern ist ein wahres babylonisches Sprachengewirr in Englisch, Deutsch und Chinesisch von lästigem Gegenwind, legendären Couchsurfing-Partys, unüberwindbaren Gebirgspässen und spannenden Wüstendurchquerungen.

Ankunft in Nanjing: der Bahnhof in der Abendsonne (l.); Xinjiekou, die Haupteinkaufsstraße Nanjings (r.)

Wir verbringen gut eine Woche bei Minxins Eltern. Eigentlich viel zu wenig. Meinen Geburtstag feiern wir in einem schicken italienischen Restaurant, das sich im 3. Stock des Jinling Hotels befindet, das bereits 1983 in der Innenstadt Nanjings errichtet wurde und damals das erste Fünfstern Hotel westlichen Zuschnitts in China war. Wie bei diesen Hotels meistens üblich, befindet sich in der obersten Etage ein Drehrestaurant, wo man die Skyline der Sechsmillionenstadt in der Nähe des Jangtsekiangs überblicken kann. Das Jinling Hotel war bei seiner Fertigstellung das höchste Gebäude der Stadt, heute sind ihm viele Nachahmer längst über den Kopf gewachsen.

Nanjing, diec Heimaqt von Minxins Eltern (o.r.);

In der westlichen Wahrnehmung befindet sich Nanjing im Schatten Schanghais. Dabei war die Rollenverteilung in der chinesischen Vergangenheit eine ganz andere. Schanghai führte als Fischerstädtchen in der Nähe der Jangtsekiangmündung lange Zeit ein unbedeutendes Dasein und verdankt seinen Weltruhm den Briten, die hier Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten ausländischen Konzessionen auf chinesischem Boden errichteten. Die Einheimischen waren somit gezwungen, sich nach jahrhunderterlanger Isolation dem weltweiten Handel zu öffnen.

der Fuzimiao Tempel von Nanjing geht auf die Song-Dynastie zurück

In Nanjing, der südlichen Hauptstadt (der Gegenpol ist Beijing, die nördliche Hauptstadt) wurden mehrfach die Geschicke des Staates gelenkt. Zuletzt tagte hier die Regierung Sun Yatsens in der Zeit zwischen der Qing-Periode, der letzten Kaiserdynastie, und den Wirren des Bürgerkriegs der 1930er und 1940er Jahre. Und es gibt eine Menge zu sehen: den alten Konfuzius Tempel Fuzimiao in der brandneuen Altstadt sowie die 1,5km lange Brücke über den Jangtse, ein Triumph chinesischer Ingenieurskunst. Das Jahrhundertprojekt wurde nach dem Zerwürfnis mit der Sowjetunion in chinesischer Alleinregie errichtet und während der Kulturrevolution fertiggestellt. Noch heute künden die monströse Betonarchitektur, diverse Arbeiterheldendenkmäler sowie nicht zuletzt die riesige Mao - Statue am Eingang des Besucherportals von Heldentaten inmitten einer dunklen Epoche.

die von 1960 bis 1968 in chinesischer Alleinregie erreichtete Brücke über den Jangtse

Die Holocaust Gedenkstätte der japanischen Invasion dokumentiert einen nicht minder erschreckenden Abschnitt und lässt sich zeitlich zwischen Sun Yatsen und Mao Zedong einordnen. Während der Besatzungszeit verübten japanische Soldaten ein unglaubliches Massaker an der lokalen Bevölkerung. Etwa 300.000 Menschen, so schätzt man, mussten 1937 innerhalb von drei Monaten, ihr Leben lassen. Wir haben diesen Ort bereits 2009 aufgesucht und ersparen Euch mal die dazugehörigen Fotos. Stattdessen zieht es uns, nachdem die Fahrräder pünktlich per Post eingetroffen sind, in die Purpurnen Berge, die sich unweit der Stadt an den Ufern des Xuanwu Sees befinden.

Blinde Kuh spielen unter Teehausmitarbeitern; Entspannungsübungen bei bücherliebenden Studenten; 1912 - das Ausgehviertel von Nanjing (v.l.n.r.)

Hardcore Biking in der Megacity: wir wollen es noch einmal wissen. Also Radlerhosen entstaubt, Trekkingschuhe angezogen, Helm aufgesetzt und dem Gegenwind getrotzt. Selbst das GPS ist mit an Bord – zumindest dessen Ersatz in Form der ortskundigen Minxin. Der Beginn zu unserer Tour de Purpur verläuft reibungslos.  Erstmal geradeaus, hinter dem siebten Wohnblock nach rechts. Minxin macht das schon. Die Ausfallstraße hat sich seit Minxins letzter Fahrradtour von einer gemütlichen Gemeindestraße zu einem sechsspurigen Highway gemausert. Im Zickzackkurs an parkenden Taxis und herumeilenden Fußgängern vorbei geht es zum historischen Stadttor, das im Jahr 2007 errichtet wurde. Eigentlich ist nur ein Tor stehengeblieben, und das ist offensichtlich zu wenig für die hiesige Tourismusbehörde. In den letzten Jahren hat man kurzerhand nochmal drei ergänzt. Außerhalb der Stadtmauern wird munter weitergebaut. Die vielgeschossigen Wohnblocks sieht man mittlerweile überall in China. Sie sind ein begehrenswerter Traum für jede dreiköpfige Kleinfamilie. Als chinesischer Ehegatte ist man quasi verpflichtet, seiner Ehegattin nach der Hochzeit eine Wohnung als Mitgift auf den Weg ins zukünftige Eheleben zu geben. Diese künstliche Nachfrage lässt die Mieten allmählich in die Höhe steigen, was wiederum längere Ansparphasen bedingt. Doch ohne Wohnung keine Hochzeit und so wird eben erst mit Mitte dreißig geheiratet. Wie gut, dass wir in Deutschland leben, denke ich mir insgeheim, als wir den Fuß der Purpurnen Berge erreichen und der Wald uns aufnimmt.

Reste der alten Bausubstanz in Nanjings Innenstadt

Nach einer strapaziösen 30 Meter Steigung folgt die erste Pause. Dann wieder aufs Rad und weiter bergauf unter einem Kronendach von Platanenbäumen. Unser Etappenziel ist das Mausoleum von Sun Yatsen, das sich in einem Parkgelände versteckt. Und genau daraus  erwächst eine turmhohe Barriere: Fahrradfahrer sind im Park tabu. Viel zu gefährlich für die Fußgänger. Hilft nichts, es muss weitergehen. Nächste Option: das Planetarium, mit angeschlossenen Museum. Doch wenige Minuten später auch hier Ernüchterung – Sperrzone für Fahrradfahrer. Wir reißen das Ruder rum und entscheiden uns für eine Umrundung des knapp 800 Meter hohen Gebirgszuges. So erhält der Begriff „Tour de Purpur“ nochmal richtige Bedeutung!


Zunächst geht es durch das Naherholungsgebiet der Nanjinger Stadtbevölkerung. Die Straße macht einen scharfen Knick und verabschiedet sich Richtung Trabantenstädte. Kein Grund zur Sorge, wir entdecken einen kleinen Weg, der in den Wald führt. Wie so oft in China, handelt es sich nicht um einen verwunschenen Märchenpfad, sondern um eine mit Tartan ausgekleidete Joggingroute. Das Anliegen der hiesigen Behörden, die lokale Bevölkerung zu körperlichen Aktivitäten zu animieren, stößt offensichtlich nicht auf großes Interesse. Ein Expat, bewaffnet mit MP3 und Sonnenbrille, ist der einzige Waldläufer, den wir hier treffen. Die nächsten fünf Kilometer kommen selbst „Extremradlern“ wie uns einer wahren Achterbahnfahrt gleich. Bergab, bergauf windet sich die Laufstrecke durch den engen Wald. Das macht richtig Laune und hat während unserer Tour bislang gefehlt. Wenig später hat der Asphalt uns wieder. Heiß ist‘s an diesem Oktobertag und wir radeln im T-Shirt weiter, nun in einer Kolonne mit E-Scootern. Das letzte Etappenziel soll das nördliche Ufer des Xuanwu Sees sein, das sich hinter einer Hochstraße versteckt. Wo sich früher eine hübsche Parkanlage befand, erstreckt sich jetzt ein monströser Parkplatz, der die Ausflugsbusse aufnehmen soll. Dahinter versperrt ein gigantisches Tor den Weg. Der Gesichtsausdruck des „Parkwächters“ ist unmissverständlich: hier kommt ihr nicht rein. Fahrradverbot zum dritten. Nicht mit mir, denke ich mir. Die Reise mit dem Rad nach China war ja ganz nett, aber irgendwie auch etwas lahm – zu wenig Rebellentum, zu wenig Subversives. Jetzt am Ende nochmal eine Revolte!

"Ups and Downs" während der Tour de Purpur: Autobahnbrücken  (o.l.), Blick über den Xuanwu See auf Nanjings Skyline (m.l.); im Zickzack über die Tartanbahn (u.m.)

Ich nehme Anlauf und rase mit einem eleganten Schlenker am Wächter vorbei, der sich mir in den Weg stellen möchte. Eine Schulklasse ruft: „Das ist ein Ausländer, der versteht kein Chinesisch“. Ein Blick über die Schulter verrät mir, dass der Ranger per Funkgerät gerade Verstärkung anfordert, um den wildgewordenen Laowai innerhalb des Parkgeländes zur Strecke zu bringen. Minxin möchte sich dem Aufbegehren nicht anschließen und bleibt zurück. Ich bin gewarnt und pilotiere mein Rad über eine abgelegene Nebenstrecke fernab vom Seeufer an der öffentlichen Toilette vorbei. Somit kann ich die zu befürchtenden patrouillierenden Parkranger, Panzerketten, Tretminen und Selbstschussanlagen weiträumig umfahren.

Die Gesichter der wenigen Passanten verraten mir: sie sind auf meiner Seite. Kein Parkbesucher wird mich denunzieren und der Parkbehörde ausliefern. Die Revolte endet jedoch bald, als mein Smartphone in der Hosentasche vibriert. Gleich neben dem Parkplatz gäbe es ein Restaurant mit leckeren Jiaozi, ich solle doch bitte den Unsinn sein lassen und zurückkommen. Jetzt wieder umdrehen, wo ich es doch schon so weit gebracht habe? Und dann noch zurück in die Höhle des Löwen – am Parkwächter vorbei? Nach einer mehrminütigen Diskussion meldet sich zu allem Überfluss noch mein Magen hörbar zurück. Also: kein Hungerstreik, die Revolte endet dort wo sie begonnen hat. Der Parkwächter nimmt seine Niederlage gelassen.

That's Shanghai: Lunch auf der Nanjingstrasse (o.l.); unsere Fahrradmechaniker erkennen uns wieder (o.m.); Allee in der Nähe des Fränzösischen Viertels (m.l.); subversive Literatur - nun problemlos verfügbar (m.r.);  Shikumen - das alte Shanghai (u.l.); Dinner in  Papas Biestube (u.m.); belgisches Bier (u.r.)

Shanghai, die kapriziöse, hedonistische Schwester Nanjings, unweit der Mündung des Jangtsekiangs gelegen. Viele Leute behaupten, diese Stadt sei nicht China, ich sage aber: das ist durchaus China, nur eben ein besonderes Stück China. Ein glitzernder, zukunftsfixierter Ort von ungeheurer Intensität und Energie. Hier lässt sich schnell und viel Geld verdienen, und wer dies tut, der zeigt das auch. Tagsüber drängeln sich die Luxuskarossen auf der Nanjing Street, der Einkaufsstraße Shanghais. Die Flagshipstores und Boutiquen verkaufen teure Markenware. Erst nach und nach entwickeln die Menschen ein Bewusstsein für die bewegte Geschichte der Stadt. Zwischen den monolithischen Spiegelglasfassaden entdeckt man noch immer die historischen Shikumen, ein dunkles Geflecht von Gassen und historischen Backsteinbauten. Einige von ihnen erleben nun eine Art Neo-Renaissance und werden zu beliebten Ausgehvierteln oder Shoppingmeilen aufgemotzt. Zusammen mit der Art Deco Architektur erinnern diese historischen Restviertel an 1920er und 30er Jahre als sich Schanghai zum ersten Mal zur Weltstadt aufschwang. Kunst, Handel und Kultur blühten auf. Viele Modernisierungsbewegungen fanden hier ihren Ursprung. 1921 erfolgte im französischen Viertel die Gründung der Kommunistischen Partei Chinas. Doch ausgerechnet die roten Beamten in Peking leiteten ab 1949 den wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang der Millionenmetropole ein. Über Nacht schlossen Theater und Oper ihre Pforten, mit ihnen verschwanden auch Opiumhöhlen und Prostituierte aus dem Stadtbild. Über Schanghai legte sich für die nächsten 30 Jahre ein stiller Nebel. Selbst nach der Öffnung Chinas blieb die Stadt der zentralen Führung ein Dorn im Auge. Die Stadt fiel hinter den neugeschaffenen Sonderwirtschaftszonen zurück, der Boom erfolgte erst in den 1990er Jahren.  Mittlerweile hat Shanghai seine Rolle als kosmopolitische, selbstbewusste Stadt zurückerlangt. Heute präsentiert sie sich dem Besucher als chaotisches Mosaik unterschiedlichster Lebens- oder Architekturformen.

Blick auf das gegenüberliegende Flußufer Pudong; in den letzten Jahren haben sich dort einige klein- und mittelständische Untenehmen angesiedelt (l.); der Bund, Shanghais wohl bekanntester Sehenswürdigkeit (m.); Abschiedsfoto (r.)

Für uns war von Anfang an klar, dass hier das Ziel unserer Reise sein soll. Es ist der Ort, wo Minxin und ich uns kennenlernten und wo wir später auch heirateten. Es braucht also nicht mal den billigen Trick ohne Fahrräder anzureisen. Diese stehen nämlich verwahrt bei Minxins Eltern, denn unser Flug wird von Nanjing aus Richtung Deutschland starten. Außerdem geht es hier sowieso nicht mehr weiter. Zumindest mit dem Fahrrad nicht. Östlich von Shanghai erstrecken sich mehrere Hundert km Gelbes Meer.

Es ist eine Mischung aus Melancholie und Heimweh, die uns in unsere alte Umgebung zurückzieht. Unser Hostel liegt einen Steinwurf von unserer alten Wohnung entfernt. Auch das touristische Programm für die nächsten Tage mutet sehr individuell an. Wir laufen die Jiaozhou-Straße zu unserem Lieblingsitaliener herunter und stellen enttäuscht fest, dass dieser den Besitzer gewechselt hat. Dann halt ein Schnitzel bei Papas Bierstube um die Ecke.

Noch immer ist Shanghai eine Stadt im Wandel. Die Yuyuan - Straße war noch vor fünf Jahren eine ruhige, schattige Kastanienallee. Abends konnte man hier, wenn überhaupt ein paar Jiaozi oder eine Flasche Bier kaufen. Mittlerweile haben sich die Lounges und Bistros aus dem benachbarten französischen Viertel bis hierher verirrt. Überall läuft Lounge Music mit französischen Texten, vorgetragen, nein gehaucht, von einer weiblichen Stimme. Offensichtlich hat die Clubszene Shanghais den Weg vom Richard Clyderman Geklimper der 90er Jahre über den Kylie Minogue/Madonna Discobeat der 00er bis in die Gegenwart gefunden.

Nicht nur in den Bars erinnert das Preisniveau erinnert an den Beginn unserer Reise. Taxis sind heutzutage in Shanghai nur noch über Handy zu bekommen. Und: was in Teheran und Duchanbe undenkbar schien, nimmt in Shanghai nun reale Gestalt an. Es ist der erste Ort unserer Reise, wo Ampeln für die meisten Verkehrsteilnehmer überhaupt keine Bedeutung besitzen. Als mich ein Santana Taxi fast streift und ich auf das grüne Männchen am Straßenrand verweise, erhalte ich nur ein entnervtes Stöhnen. „Junge, reg dich ab.“ Aber es gibt auch Erfreuliches zu vermelden. Das alte Ehepaar, das um die Ecke wohnte, sitzt noch immer tagtäglich auf der Straße und erkennt uns sofort wieder. Endlich eine Konstante im veränderlichen Shanghai. Das alte Paar sitzt übrigens nicht nur untätig auf der Straße, es flickt auf Anfrage auch in Windeseile Plattfüße oder zentriert Felgen für umgerechnet 30 Cent, denn in Shanghai repariert niemand sein Fahrrad selbst. 2010 gab ich nochmal stolze 20 Cent dazu, da ich fand, dass 30 Cent nicht reichten und fortan begrüßte mich die alte Dame jeden Tag freundlich auf dem Weg zur Arbeit.

Wer zum ersten Mal nach Shanghai kommt der besucht zunächst das Shanghai Museum am Volksplatz und staunt über 8000 Jahre alte Ausgrabungen. Danach empfiehlt sich ein Abstecher zum Yu Garten mit seinem traditionellen Teehaus und den McDonalds Filialen inmitten der verbliebenen Altstadt. Von hier aus ist es nur ein Katzensprung zum weltbekannten Bund mit seiner Art Déco Architektur. Am Flußufer gegenüber haben sich in Pudong (Pu –Wasser, Dong = Osten) in den letzten 20 Jahren eine Handvoll klein- und mittelständische Betriebe angesiedelt. Das vorerst letzte Bauprojekt Pudongs, der 614 Meter hohe Shanghai Tower vervollständigt seit letztem Jahr die wohl berühmteste Skyline Chinas. Endlich hat man den alten Rivalen Taipeh mit seinem läppischen 508 Meter hohen 101-Tower abgehängt, das Wettrüsten hat also einen Sieger gefunden.

Die restliche Zeit widmet man dann dem Besuch der B-Sehenswürdigkeiten: das französische Viertel, Wissenschaftsmuseum, ein Ozeanium, eine Handvoll Tempel und Museum, unzählige sehr hippe Lounges und Restaurants, schließlich die historischen Watertowns in der Umgebung, die aber eigentlich nicht mehr Schanghai sind.

Für uns steht erst mal die Aufenthaltsverlängerung von Minxins Visum auf dem Programm. Ein etwas trockenes Thema für einen Reiseblog, von daher: geht alles prima über die Bühne, Gruß und 1000 Dank an die Ausländerbehörde in Hildesheim.

Die Mittagspause verbringen wir in einem dieser sehr schicken Bistros. Zwischen Cocktaillounge und Businesslunch im Nadelstreifen haben wir den Outdoormief endgültig hinter uns gelassen. Links quatschen sie über den Businessplan, rechts über Prozessoptimierung und hinter uns über Logistik- und Lagerkosten. Wir sind etwas underdressed hier erschienen, selbst unser schönste Stück, meine Adidas Trainingsjacke und Minxins knallroter Fleecepullover mag nicht mit den maßgeschneiderten Anzügen der Shanghaier Businesselite konkurrieren. Ich verstehe jedes Wort, niemand redet hier Chinesisch. Die Menschen an den umliegenden Tischen sind alle gut gekleidet, intelligent, sexy, smart, erfolgreich. Also: zum Kotzen.

nicht mehr wirklich unsere Reise: Ankunft am Frankfurter Flughafen (l.); verpackte Fahrräder (m.); netter Willlkommensgruß unserer Nachbarn (r.)

Am Abend beschließen auch wir, zum Bund zu laufen. Es ist Zeit für ein symbolisches Abschiedsfoto von Shanghai und unserer Reise. Doch wer eignet sich als Fotograf? Menschen sind am Bund jedenfalls keine Mangelware, die halbe Bevölkerung Chinas scheint dieselbe Idee wie wir gehabt zu haben. Inmitten der chinesischen Massen entdecken wir drei hochgewachsene, blonde Hünen und kommen schnell ins Gespräch. Es handelt sich um drei Innenarchitekten aus Hamburg, die zusammen eine Firma betreiben und nun in Schanghai nach neuen Auftraggebern suchen. Alle drei sind zum ersten Mal in China und verstehen ihre Reise als eine Stereotyp widerlegende Mission. Man sei noch nicht einmal von der Polizei kontrolliert worden, überhaupt fühle man sich überhaupt nicht beobachtet. Und man sei übrigens noch nicht am Smog erstickt. Wir sagen, es gäbe viele böse Vorurteile über China. Das mit dem Smog sei aber ein Glücksspiel. Wenn der Wind nicht vom Meer wehe, wölbe sich an den meisten Tage eine graubraune Dunstglocke über der Stadt.

Foto erledigt, Bund abgehakt, jetzt wieder zurück ins französische Viertel wo wir bei einem Thai Restaurant typisch Schanghaier Zuschnitts mit einer Freundin verabredet sind. Das „Kokosnussparadies“ ist in einem altehrwürdigen Kolonialgebäude untergebracht mit angeschlossener Parkanlage. Wieder entspricht unsere äußere Erscheinung nicht unbedingt dem Dresscode. Was uns aber mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass unsere Freundin nicht pünktlich im Paradies erscheint. Hat sie uns vergessen? Während wir darüber diskutieren, ob wir uns in der Uhrzeit geirrt haben, steht sie schließlich vor uns, mit hochroten Kopf und stampfenden Schritten. In der linken Hand schiebt sie ein Fahrrad neben sich her. „Oh, Mann ich hasse es! Zweimal fast von einem Taxifahrer umgemäht worden und ständig rote Welle. Hätte ich lieber die überfüllte U-Bahn genommen.“

„Bestell erst mal ein Cocktail, dann geht es dir gleich besser“, empfehlen wir.

Doch die rote Gesichtsfarbe will nicht aus den feinen asiatischen Gesichtszügen weichen.

„Nein. Ich muss erstmal runterkommen. ICH HASSE FAHRRADFAHREN!“

 

„Hm. Wir auch“, geben wir zurück.

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